Aktuelles aus dem Schiedsrichterwesen

Aktuelles aus dem Schiedsrichterwesen

Sportler unter Sportlern - nichts anderes sind jene OÖ-Schiedsrichter, die jährlich mehr als 30.000 Einsätze absolvieren und wertvolle Schlüsselpersonen im Fußballwesen sind. Mit Thomas Prammer berichtet der Vorsitzende der Schiedsrichterkommission über Highlights aus der jüngeren Vergangenheit, den aktuellen Status quo und wesentliche Punkte für die nahe Zukunft . . .

 

Woche für Woche stehen auf den heimischen Sportplätzen die Schiedsrichter im Mittelpunkt der fußballerischen Aufmerksamkeit - meist ungewollt, oft viel mehr als ihnen lieb ist. Dabei werden leider nur selten sehr gute Leistungen mit Aufmerksamkeit und Schlagzeilen bedacht. Meist sind es eher die Fehler beziehungsweise strittige Entscheidungen, die in den Fokus der medialen Berichterstattung geraten, obwohl die tadellosen Schiedsrichterleistungen sicherlich deutlich in der Überzahl sind. Bei allem Verständnis für Kritik muss man festhalten, dass diese Kritik stets sachlich bleiben muss. Beleidigung, Bedrohungen und Polemik haben dabei nichts verloren. Kein Schiedsrichter macht absichtlich Fehler, doch solange es Menschen sind, die Spiele leiten, kann es niemals Fehlerlosigkeit geben.

Hohe Anforderungen
Hier wäre ein wenig mehr Verständnis für diesen Umstand wünschenswert. Denn bei einem Stürmer ist es für jeden Spieler, Offiziellen und Zuschauer ganz normal, dass nicht jede klare Torchance, jeder Strafstoß verwandelt werden kann. Bei einem Schiedsrichter hingegen wird jeder Pfiff kritisch beäugt, bei jeder strittigen Situation die Objektivität hinterfragt und jeder Fehler als Katastrophe wahrgenommen. Gerade in den höheren Ligen Oberösterreichs versuchen wir daher jeden Tag, unsere Schiedsrichter in vielerlei Bereichen zu verbessern. Dabei kommen auch wichtige Mosaiksteine wie Persönlichkeit, Körpersprache, das Verkaufen von Entscheidungen, Umgang mit den Akteuren und viele weitere Themen zur Sprache. Letztlich wird auch insbesondere im Bereich der regeltechnischen Schulung und der körperlichen Verbesserung hart gearbeitet. Jener FIFA-Fitnesstest, der in der 3. und 4. Spielklasse zu absolvieren ist, wäre auch für viele Spieler eine Herausforderung.

Kostenlose Regelkunde-Workshops
Was die Kenntnis der Spielregeln betrifft, sind viele Funktionäre, Spieler und Zuschauer leider oft nicht auf dem letzten Stand. Dabei wäre ein entsprechendes Detailwissen wichtig. Wenn an einem gemütlichen Abend Gesellschaftsspiele auf dem Programm stehen, ist ein Blick in die Spielanleitung völlig normal und obligatorisch. Aber haben wirklich auch alle schon einmal einen Blick in die Fußball-Spielregeln geworfen? Regelkenntnis bedeutet jedenfalls einen Wettbewerbsvorteil. Warum sollte man nicht ausnutzen, dass man etwas besser kann oder weiß als der Gegner? Der Oberösterreichische Fußballverband bietet im Rahmen des Vereinscoachings kostenlose Regelkunde vor Ort bei den Vereinen an. Jene Vereine, die diesen Service bislang in Anspruch genommen haben, berichten ausnahmslos von interessanten und praxisrelevanten Erfahrungen. Und als gewollter Nebeneffekt wird das wechselseitige Verständnis Schiedsrichter-Spieler-Funktionäre gestärkt. Aus diesem Grund wäre es wünschenswert, wenn noch mehr Vereine die Regelkundevorträge ausnützen würden.

Neue Bestimmungen
Die Wichtigkeit der Regelkenntnis wird durch den Umstand unterstrichen, dass mit 1. Juni 2016 - beziehungsweise bei laufendem Bewerb nach dessen Ende - eine ganze Reihe von Regeländerungen in Kraft getreten ist. Einige davon sind von großer Praxisrelevanz, einige wiederum im Detail durchaus kompliziert. Als Beispiel sei genannt, dass in den Medien von einer Abschaffung der Dreifachbestrafung beim Strafstoß berichtet wird. In Wahrheit gilt dies aber nur bei Fußfouls, nicht jedoch bei einem Handspiel auf der Torlinie und bei einem Zurückhalten. Ganz allgemein wird bei den Regelneuerungen auf einen höheren Ermessensspielraum des Schiedsrichters Wert gelegt.

Erfolgreiche Elite-Referees
Auf die derzeitige Situation der oberösterreichischen Schiedsrichterkommission im österreichischen Vergleich können wir durchaus ein wenig stolz sein. Mit Oliver Drachta, Manuel Schüttengruber und Dieter Muckenhammer stellt Oberösterreich 3 der 14 Schiedsrichter der obersten Liga, die beiden Erstgenannten sind auch 2 der 7 internationalen Referees. Mit Roland Brandner und Stefan Kühr stellt Oberösterreich 2 der 9 österreichischen FIFA-Assistenten, gemeinsam mit Andreas Rothmann, Clemens Schüttengruber, Stefan Stangl und Markus Waldl, der neu aufgenommen wurde, sind 6 der 27 Bundesligaassistenten aus unserem Bundesland. Mit Stefan Ebner drängt bereits der nächste Kollege nach, der sich derzeit mit sehr guten Leistungen im ÖFB-Förderkader für einen Schiedsrichterplatz in der Bundesliga in Stellung bringt.

Länderspiel-Hit als Highlight
Absolutes internationales Highlight im Jahr 2016 war natürlich die persönliche Einladung des DFB für Oliver Drachta zum Länderspiel Deutschland - Italien in München, das Oliver mit seinem aus lauter Oberösterreichern (Brandner, Kühr, M. Schüttengruber) bestehenden Team souverän leitete, wobei die Leistung auch von sämtlichen Akteuren goutiert wurde. Aber Stillstand ist Rückschritt, daher arbeiten wir fieberhaft daran, talentierte Schiedsrichter auszubilden. Doch nicht nur für die Spitze, auch für die Breite muss gesorgt werden. Denn genau so wichtig wie die Schiedsrichter und Assistenten in der Bundesliga sind jene Kollegen, die sich oft mehrmals pro Woche zur Verfügung stellen und ohne die ein geordneter Meisterschaftsbetrieb nicht möglich wäre. Ihnen sei an dieser Stelle besonders gedankt, was ohnehin viel zu selten passiert.

Neuzugänge willkommen
Zwar ist nicht jeder zum Schiedsrichter geeignet, wir sind jedoch ständig auf der Suche nach Leuten mit Pfiff, die die Schiedsrichterprüfung ablegen und Teil einer eingeschworenen Gemeinschaft werden wollen. Dabei sind Frauen wie Männer gleichermaßen willkommen. Informationen zu den Anfängerlehrgängen gibt es zeitgerecht online unter  www.ooesk.at und www.schiri.at. Wir freuen uns auf viele Neuzugänge, um anlässlich des heurigen Jubiläums "90 Jahre Schiedsrichter in Oberösterreich" möglichst einen Höchststand an Aktiven verzeichnen zu können. Die derzeit 345 Verbandsschiedsrichter hatten inklusive Assistententätigkeiten im letzten Jahr mehr als 30.000 Einsätze. Und ebenso oft wurde versucht, das Beste zu geben. Auch Schiedsrichter machen Fehler - und sie wünschen sich, als Sportler unter Sportlern wahrgenommen zu werden.