Ein Tag als Bundesliga-Schiedsrichter

Ein Tag als Bundesliga-Schiedsrichter

Pfiffe werden streng beäugt, Entscheidungen diskutiert und die Spielszenen aus zahlreichen Perspektiven betrachtet. Beim Spiel stehen die Unparteiischen unter Dauerbeobachtung, der " Doppelpass" war beim OÖ-Trio Oliver Drachta, Stefan Kühr und Andreas Rothmann beim Wiener Derby aber auch davor und danach auf Schritt und Tritt dabei. Ein "Referee-Report" als detaillierter Rückblick auf 13 Stunden, in denen sich alles um 90 Minuten dreht . . .

 

9:30 Andreas Rothmann und Stefan Kühr treffen beim Haus von Oliver Drachta ein. Gemeinsam in einem weißen Mazda 6 geht´s von Linz-Ebelsberg los Richtung Wien.

11:15 Ankunft in der Generali Arena, wo bereits Schiedsrichterbetreuer Otto Rausch wartet. Die Sporttaschen mit allen Utensilien werden in die Kabine gebracht, ehe der Stadion-Rasen inspiziert wird. Drachta gibt bei der Bundesliga "grünes Licht" für das Grün - gemäß Vorschrift per Anruf, der bis maximal viereinhalb Stunden vor Anpfiff aus dem Stadion zu erfolgen hat.

11:40 Ankunft beim Hotel. Das Einchecken dauert wieder einmal etwas länger. Die Zimmer stehen leider nicht pünktlich zur Verfügung . . .

12:00 In einem nahegelegenen Restaurant wird eine Kleinigkeit gegessen - Suppe und Salat stehen am Speiseplan.

12:45 Zurück im Hotel gibt es Zeit zum individuellen Entspannen. Drachta checkt seine E-Mails, Kühr übt auf der Homepage www.schiri.at noch ein paar Regeltests. Rothmann schaltet den Fernseher ein - und muss sich ärgern, dass um diese Zeit nichts Gescheites läuft. Letztendlich wird noch ein Stündchen geschlafen.

14:15 Der Wecker läutet. Raus aus dem Bett, rein ins Auto.

14:30 Noch zwei Stunden bis Spielbeginn. Langsam steigt die Anspannung ein wenig. Man merkt doch, dass es kein normales Spiel ist. Auch in punkto Verkehr: Stau vorm Verteilerkreis in Favoriten!

15:05 Endlich Ankunft im Stadion! Direkt vorm Kabinentrakt wird geparkt. Neben dem Tiroler Spielbeobachter Kaserer wartet in der Schiedsrichterkabine schon Markus Hameter. Der vierte Offizielle, der aus Niederösterreich stammt, war aufgrund seiner Nähe zum Spielort nicht im Hotel einquartiert.

15:10 Nach kurzem Smalltalk in der Kabine werden am Spielfeld sämtliche Linien kontrolliert, die Coachingzone inspiziert und die Tore sowie Netze das erste Mal genau unter die Lupe genommen. Auch der Zustand des Rasens wird genau betrachtet. Bei der Frage der Schuhwahl ist das vor allem für die Assistenten wichtig. Die ersten Zuseher nehmen auf den Tribünen Platz, ein gewisses Kribbeln stellt sich ein.

15:20 Die Teamverantwortlichen bringen die Spielerpässe sowie Dressen der Mannschaften. Die Überprüfung ist Aufgabe des vierten Offiziellen.

15:30 Der Spieldelegierte Helmut Pichler betritt die Kabine und informiert das Schiedsrichterteam über den aktuellen Stand der Dinge betreffend Sicherheit. So ist etwa ein Platzsturm der Austria-Fans angekündigt. Gemeinsam wird besprochen, wie im Fall der Fälle vorzugehen ist.

15:40 In der Kabine befindet sich nur mehr das Referee-Quartett, erstmals seit dem Eintreffen kehrt etwas Ruhe ein. Es beginnt analog zum Umziehen die intensive Spielvorbereitung, das Funkfahnensystem sowie das Kommunikationsset werden noch einmal getestet.

15:45 Ansprache! Oliver Drachta ergreift das Wort und geht auf die wichtigsten Sachen ein - die Kommunikation untereinander, Bedienung der Funkfahnen, individuelle Aufgabenbereiche, Vorgehen in speziellen Situationen wie etwa im Fall eines Platzsturms.

16:00 Der Countdown startet adäquat zu den strikten Zeitvorgaben, die bei internationalen Spielen Standard sind. Das Trio begibt sich auf das Spielfeld, wo bereits beide Mannschaften aufwärmen. Die Assistenten kontrollieren erneut die Tornetze, ehe das gemeinsame Aufwärmen folgt. Zeitgleich checkt der vierte Offizielle sämtliche wichtige Utensilien am und rund um das Spielfeld - Austauschtafel, Ersatzbälle, Anzahl und Position der Ballbuben, Trage für die Verletzten - und bespricht mit den Sanitätern das Vorgehen bei Verletzungen.

16:15 Zurück in der Schiedsrichterkabine schlüpfen die Schiedsrichter in ihre Trikots und prüfen noch einmal die technischen Hilfsmittel.

16:20 Der Bundesliga-Medienbeauftragte kommt in die Kabine und teilt mit, dass in zwei Minuten der Pfiff zum Versammeln der beiden Mannschaften im Spielertunnel erfolgen soll. Noch schnell ein ein gemeinsames Foto - und los geht´s . . .

16:22 Beide Mannschaften und die Referees versammeln sich im Tunnel. Stefan Kühr überprüft die Ausrüstung der Violetten, Andreas Rothmann beäugt die Rapid-Spieler.

16:24 Nach dem Zeichen des Medienbeauftragten geht es unter tosendem Beifall auf das Spielfeld. Nach dem Shake-Hands folgt der Münzwurf für die Seitenwahl.

16:30 Oliver Drachta pfeift pünktlich an.

17:19 Unmittelbar nach Rotpullers Ausgleich zum 1:1 bittet Drachta zur Halbzeit. Das Blitz-Resümee in der Kabine: Bis jetzt alles in Ordnung!

17:29 Ein Pfiff im Spielertunnel gibt das Signal für beide Mannschaften, den Platz wieder zu betreten. Drachta bringt den Ball zum Anstoßpunkt, Kühr und Rothmann kontrollieren wieder die Netze.

17:33 Halbzeit zwei startet. Der Wiener Austria gelingt trotz Gelb-Rot für Ramsebner dank Shikov in Unterzahl noch das Goldtor zum 2:1-Sieg.

18:21 Spielende. Shake-Hands auf dem Spielfeld. Hameter als vierter offizieller behält die Ersatzbänke und das Umfeld im Auge, Kühr beobachtet das Geschehen im Spielertunnel. Aber es bleibt alles ruhig.

18:24 Das Schiri-Quartett ist zurück in der Kabine. Gemeinsames Abklatschen - und zufriedene Gesichter. Denn der Großteil der Entscheidungen sollte gepasst haben. Das Gefühl wird bestärkt, weil einige Funktionäre in die Kabine kommen und sich für die gute Spielleitung bedanken. Markus Hameter startet den Computer und beginnt mit dem Ausfüllen des Online-Spielberichts. Die anderen drei Kollegen duschen. Betreuer Otto Rausch fragt nach dem Wohlbefinden und Getränkewünschen.

18:40 Spielbeobachter Kaserer betritt den Raum und gratuliert jedem zur Leistung. Dann startet die Spielbesprechung, die an diesem Abend knapp 30 Minuten dauert. Kritische Szenen werden sogleich am PC mit der zuvor vom Medienbeauftragten erhaltenen DVD des Spiels analysiert. Spätestens da steigt noch einmal die Stimmung: Alle wichtigen Entscheidungen waren richtig!

19:15 Hemd und Sakko sitzen. Beim Essen im Innenbereich der Generali-Arena wird zum ersten Mal auf das erfolgreiche Spiel angestoßen.

19:45 Das Schiedsrichterteam verlässt zufrieden das Stadion.

20:23 Kurzer Zwischenstopp an der Raststätte Steinhäusl: Bei einem kleinen Bier wird intern noch erörtert, wie künftig in ein paar Situationen noch besser reagiert und kommuniziert werden kann.

22:24 Nach knapp 13 Stunden Ankunft beim ursprünglichen Treffpunkt in Linz-Ebelsberg. Ein langer Tag geht zu Ende.

 

Foto: Fotolia, Privat