Gesundheitsfaktor Fußball

Gesundheitsfaktor Fußball

Die vielen Facetten des runden Leders

Die Ausprägungen des Gesundheitsfaktors Fußball sind mannigfaltig - von der Bedeutung für die Entwicklung der Kinder über die soziale Rolle als Identitätsstifter bis hin zu den Parallelen mit der gegenwärtigen Leistungsgesellschaft. Das unterstreicht mit Gerhard Zallinger jener renommierte Sportwissenschafter, der auch zum Betreuerstab des ÖFB-Nationalteams zählt . . .

Fußball ist kein Menschenrecht, aber ein Grundnahrungsmittel. Mit dieser Aussage stellte die deutsche Reporter-Legende Marcel Reif den Fußball in die Gesundheitsdiskussion - zum damaligen Zeitpunkt wahrscheinlich ungewollt und wenig ernst gemeint, aber berechtigt. Man muss allerdings kein Leistungsphysiologe oder Jugendpädagoge sein, um den umfassenden gesundheitlichen Nutzen des Fußballsports abschätzen zu können. Der Blick ins Detail verrät die vielfältige Wirkung, die Bewegung grundsätzlich und der Fußball im Besonderen für Kinder und Jugendliche ausstrahlt. In einer Zeit, in der alle technologischen Fortschritte das Leben zwar nicht immer leichter, aber zumindest bewegungsärmer machen, erfreut uns beinahe jede Möglichkeit zur Bewegung. Jedes Kind, Mädchen wie Jungen, beginnt in einem sehr frühen Stadium, den Ball als interessantes Spielzeug zu entdecken. Rund und elastisch, daher in seiner Bewegungsbahn nicht immer vorhersehbar, fasziniert dann der Fußball spätestens im frühesten Schulkindalter beinahe jeden männlichen Zwerg.

Positive Auswirkungen
Was bringt jedoch der Fußballsport für die Entwicklung des Kindes konkret? Man kann die physiologischen Wirkungen in folgende Kategorien teilen:

 

  • Herz-Kreislaufsystem: Vor allem durch die unterschiedlichen Intensitäten im Fußballspiel (Gehen, Laufen, Sprinten) ist eine große Bandbreite an Wirkungen im gesamten kardio-vaskulären System gegeben (Herzleistung, Blutdruck, Kapillarisierung, Sauerstoffversorgung, etc.)
  • Muskulatur und Skelett: Die Bewegungsstruktur des Spiels verleiht der Muskulatur einen positiven Wachstumsreiz, erhöht die Kraftfähigkeiten und verbessert die gesamte Sensomotorik. Auch die Knochendichte wird durch die erhöhten Kräfte von außen nachhaltig erhöht, und zwar im Fußball (und Handball) signifikant stärker als im Vergleich zu anderen Sportarten. Speziell für Mädchen ist das ein erheblicher Vorteil für die weitere Entwicklung ihres Skelettsystems. Neuromuskuläre Anpassungen, die in der Praxis Bewegungsschatz oder Bewegungserfahrung genannt werden, gelten auch als enorm wichtig im Wachstumsprozess des Kindes oder des Jugendlichen.
  • Immunsystem: Neben der verbesserten Widerstandskraft bei widrigen, äußeren Bedingungen, die sich durch Outdoor-Trainings bei fast jeder Witterung ergibt, muss man auch den generellen, immunstimulierenden Effekt von körperlichem Training erwähnen.
  • Hormonsystem: Im allgemeinen ist auch hier der positive Effekt von körperlicher Betätigung und Bewegung im Vordergrund, der dazu führt, dass Jugendliche eine funktionierende hormonelle Regulation aufbauen können und damit Probleme wie Übergewicht oder Wachstumsstörungen bis hin zu Stimmungsschwankungen seltener auftreten. Gerade in der Pubertät spielt dieser Aspekt eine sehr bedeutsame Rolle.

Lebensschule für alle Altersstufen
Neben diesen allgemeinen Wirkungen auf der physiologischen Ebene zeigen ausgewählte Studien auch immer wieder den Effekt der besseren kognitiven Fähigkeiten von Sport treibenden Kindern, also auch von Fußballerinnen. Bessere Schulnoten sind zwar kein zwingendes Resultat des Fußballspiels, ein Mosaikstein zur Verbesserung kognitiver Leistungen wäre dafür jedoch gelegt. Oft wird der Fußball als Lebensschule bezeichnet. Damit diese Argumentation nicht auf der Stammtischebene hängen bleibt, sei an dieser Stelle ein Modell vorgestellt, das sich sehr gut eignet, die Bereiche eines glücklichen und zufriedenen Lebens und damit eines breiteren Verständnisses von Gesundheit aufzuzeigen - der Zufriedenheitskreis. Sechs Bereiche, die für Menschen unterschiedlichen Alters unterschiedliche Prioritäten haben, aber alle gemeinsam einen Beitrag zur Sinnerfüllung und Zufriedenheit leisten: körperliche und geistige Gesundheit, persönliche Entwicklung, Beziehungen, Lebensstil, finanzielle Sicherheit und Karriere.

Wichtiger Identitätsstifter
In einzelnen Segmenten kann der Fußball Entscheidendes beisteuern. Die gesundheitlichen Aspekte wurden bereits beschrieben. An dieser Stelle soll auch nicht tot geschwiegen werden, dass Fußball auch viele Verletzungen verursacht, die volkswirtschaftlich zwar nicht eindeutig erfassbar, aber dennoch sichtbar sind. Bis hin zu gesundheitlichen Langzeitfolgen ist der Fußball da keine Ausnahme, wie generell Leistungssport ja nicht aus Gesundheitsgründen ausgeübt wird. Der Mannschaftssport bringt viele Kontakte und Beziehungen mit gleichaltrigen Mitmenschen, die sich oft ein Leben lang aufrecht erhalten lassen. Im Spannungsfeld zwischen neuen Medien und der oft besagten Nostalgierunde in der Sportkantine sucht der moderne Fußball ein passendes Format in der heutigen Gesellschaft. Was er dabei allemal sein kann: gemeinschaftsfördernd und identitätsstiftend. Durch gut ausgebildete Trainer und weitere Personen im Umfeld kann Fußball auch zu einem Instrument der Lebensstil-Vermittlung werden, das den Missbrauch von Drogen, Alkohol und Zigaretten verhindert oder auch ein vernünftiges Ernährungsverhalten beibringt. Man darf aber nicht nur die positiven Seiten der Medaille sehen, denn es kann die Schere zwischen Sport und Party gerade auf dem Fußballfeld oder in den Stunden danach weit aufgehen. Jugendliche haben heutzutage fast alle Möglichkeiten, auf Facetten des Lebens zuzugreifen, die man ihnen gerne ersparen würde. Das zeigen uns auch Randgruppen der Fußballkultur auf, in Form von Party- und Sauforgien, Randalen etc.

Spiegel des Lebens
Spiegelt der Fußball also hautnah alle Farben und Seiten des Lebens wieder? Gewinnen wir wirklich gemeinsam, genauso wie wir gemeinsam verlieren - und ist gewinnen denn wirklich wie verlieren, nur umgekehrt? Fußball hat sich aus sportlicher Sicht so entwickelt, wie das Business-Berater parallel auch für das Geschäftsleben beschreiben: vom Marathonlauf, wo der mit dem längeren Atem am längeren Ast sitzt - hin zur Aufeinanderfolge von hochintensiven Sprints mit qualitativen Pausen! Man muss in der heutigen Zeit die Fähigkeit besitzen, in gewissen Momenten sein volles Leistungspotential abzurufen, mit Rückschlägen schnell fertig zu werden, sich ergebende kurze Ruhephasen bestmöglich zu nutzen, um erneut zuzuschlagen, abzuschließen, zu scoren, zu punkten. So sieht die Elite unserer Leistungsgesellschaft aus, und so charakterisiert sich auch das moderne Fußballspiel - nach dem Spiel ist vor dem Spiel, und wenn der Gegner nicht wäre, dann wäre alles viel leichter . . . und was ist eigentlich mit dem Mitspieler? Ist der mein Freund, oder ist er auf einem anderen Blatt Papier mein Konkurrent, weil er auf der selben Position spielen möchte wie auch ich?

Persönlichkeit wird geformt
Mentale Fähigkeiten wie Selbstdisziplin, Kritikfähigkeit, Eigenmotivation und Volition sind neben körperlicher Leistungsfähigkeit im Fußball mindestens genauso gefragt. Eine Persönlichkeit entwickelt sich rasant, wenn aus dem Kind und seiner unbändigen Freude am runden Leder ein junger Erwachsener mit Ambitionen auf die große berufliche Karriere wird. Hat er durch den Fußball etwas gelernt fürs Leben? Mit Sicherheit! Doch zahlreiche fußballerische Talente und interessante Persönlichkeiten können diesem Muster nicht folgen, sie bleiben als Randnotiz einer sportlichen Laufbahn stehen, haben den Durchbruch nicht geschafft. Sie haben aller Wahrscheinlichkeit nach viele Täler der Enttäuschung durchschritten und wurden dabei hoffentlich von einem rücksichts- und einsichtsvollen Umfeld aufgefangen. Doch eines haben sie - frei nach Ernst Happel - hoffentlich auch noch fürs Leben gelernt, durch Mentaltraining oder durch die eigene Erfahrung am grünen Rasen: Ein Tag ohne Fußball ist ein verlorener Tag!