Schritt für Schritt optimieren

Schritt für Schritt optimieren

Bewegung und genaue Bewegungsabläufe werden im Alltag und speziell im Sport immer wichtiger. Sportwissenschafter Oliver Drachta widmet sich diesem wichtigen Thema unter dem Titel " Move gentle - von der Einzelbewegung zum Bewegen" im Rahmen eines neuen Vereinscoaching-Angebots.

 

Immer mehr treten Bewegungslernen, Technikoptimierung und Prävention als Thema in den Vordergrund. Oft hilft es, Bewegung besser verstehen zu können, um Erfolge zu erzielen - egal ob es sich um Leistungszuwachs oder einen besseren Regenerationsverlauf handelt. Wenn wir von Bewegung sprechen, geht es für uns selbstverständlich ums Gehen, Laufen und Springen. Doch was ist mit Bewegung wirklich gemeint? Bewegung bezeichnet ganz allgemein die Maßnahme von Objekten mit dem Ziel der Ortsveränderung. Umgelegt auf den Menschen ist die Bewegung als körperliche Aktivität zu sehen, wenn der Mensch die Bewegung selbst ausführt und den Verbrauch von Energie zur Folge hat. Funktionell betrachtet unterliegt Bewegung immer einer bestimmten Zweckerfüllung. Diese richtet sich nach den Voraussetzungen des Sportlers, die er zum Ausführen benötigt.

 

Medizinischer Hintergrund

Doch gehen wir zurück an den Anfang, den Beginn einer Bewegung - wo kommt diese her und wie wird sie ausgelöst? Der Ursprung aller Bewegung ist das menschliche Gehirn. Hier gibt es unterschiedliche Areale, die für die Steuerung unterschiedlicher Aufgaben unseres Körpers verantwortlich sind. Für den Bereich Bewegung/Motorik ist der prämotorische Kortex zuständig. Er ist ein Teil der Hirnrinde, der einzelne Bewegungen entwirft und initiiert. Er stimmt das Bewegungsprogramm mit anderen Hirnteilen ab und leitet sein Fazit an den primären Motorkortex weiter. Dieser sammelt alle Signale und unterteilt sie in Einzelaufgaben. Die ausführenden Impulse werden im Anschluss weitergeleitet. Im Gehirn kommt es zum permanenten Informationsaustausch zwischen den einzelnen Hirnregionen, die im Zusammenspiel auch Rückmeldungen zum Adaptieren von Bewegungsschleifen liefern. Vom Gehirn ziehen die Impulse über das Rückenmark und den angrenzenden Nervenbahnen zu den ausführenden Organen, den Muskeln. Hier kommt es dann zur endgültigen Bewegungsausführung.

 

Gehirn als Ausgangspunkt

Für sämtliche Bewegungshandlungen sind die motorischen Zentren im Gehirn verantwortlich und planen sämtliche Bewegungsabläufe - die Motorik. Grundsätzlich unterscheiden wir im Bewegungshandeln zwischen Grob- und Feinmotorik, wobei die beiden Begriffe schon durch ihre Bezeichnung differenziert sind. Um Bewegungen jedoch durchführen zu können, müssen wir Einzelbewegungen erst erlernen. Bis zum Zeitpunkt der genauen Ausführung einer Bewegung vergeht viel Zeit und muss viel geübt und trainiert werden, denn jegliches Bewegungslernen basiert auf entwickelten motorischen Programmen. Diese sind abhängig von sensorischer Wahrnehmung und Informationsaufnahme und von der Verarbeitung und Speicherung dieser Informationen im Gehirn. Wir können unterschiedliche Informationen aufnehmen und verarbeiten: über das optische, akustische, vestibuläre, kinästhetische und taktile Sinnessystem. Über das ständige Aufnehmen der Reize werden die Wahrnehmungsschwellen der Sinnessysteme immanent verbessert. Es kommt zu einer besseren Reizdifferenzierung und einer Veränderung der Wahrnehmung.

 

Steigerung der Effektivität

Der Grundschritt zum Erlernen von Bewegung ist die Grundform zu erlernen. Hier kommt es wirklich nur zur Grundausbildung der Bewegungsabfolgen. Zum Beispiel das Gehen: In den zuständigen Hirnregionen werden Bewegungsmuster erstellt, die für die Grundform verantwortlich sind. Diese sind nichts anderes, als die zeitliche Steuerung von Einzelbewegungen zu einer Gesamtbewegung. Durch die ständige Reizwiederholung unter gleichen Bedingungen kommt es zur Verfeinerung dieser Bewegung. Im weiteren Verlauf kommt es durch neuerliche, wiederholte Durchführung und Reizanpassung zur Festigung und Anpassung der Bewegung unter wechselnden Bedingungen. Je vielfältiger die Reize bei bereits erlernten Bewegungsabläufen jetzt sind, desto feiner kann die Adaptierung der Bewegung stattfinden und die Effektivität gesteigert werden.

 

Koordinative Fähigkeiten

Doch zum Erlernen von Bewegungen und Bewegungsabläufen sind noch bestimmte Bedingungen, Voraussetzungen notwendig, die das Bewegungslernen stark beeinflussen. Diese Voraussetzungen bilden die koordinativen Fähigkeiten. Die koordinativen Fähigkeiten in ihrer Gesamtheit bewirken, dass die Impulse innerhalb eines Bewegungsablaufs zeitlich, stärke- und umfangmäßig aufeinander abgestimmt werden und die entsprechenden Muskeln erreichen. Sie treten jedoch niemals einzeln auf, sondern sind immer als Beziehungsgefüge der jeweiligen Bewegung zu betrachten. Zu ihnen zählen die Kopplungsfähigkeit, die kinästhetische Differenzierungsfähigkeit, die Reaktionsfähigkeit, die Gleichgewichtsfähigkeit, die Orientierungsfähigkeit, die Umstellungsfähigkeit und die Rhythmisierungsfähigkeit. Da diese Voraussetzungen für die Effektivität, Genauigkeit und Feinabstimmung der Bewegung mitverantwortlich sind, stehen sie auch in direktem Zusammenhang zu den konditionellen Fähigkeiten (Kraft, Schnelligkeit, Ausdauer und Flexibilität). Somit entsteht vom ersten Lernen einer Bewegung bis hin zur Leistungsfähigkeit in einer Sportart ein sich ständig erneuernder Regelkreis.

 

Automatisierte Abläufe

Geht man im motorischen Bereich vom ersten Bewegungslernen/ Techniklernen aus, muss man für diesen Vorgang Energie in Form von Muskelkraft einsetzen. Je nach Kraftfähigkeit kann die benötigte Kraft effektiv eingesetzt werden, um die Bewegung auszuführen. Ist nebenher eine gute Beweglichkeit gegeben, kann man diese Kraft auch bei größeren Gelenkswinkeln effektiv einsetzen. Wird die erlernte Bewegung immer und immer wiederholt, so wird sie in unserem Gehirn gespeichert und läuft automatisch ab. Dieser Automatismus definiert die momentane Leistungsfähigkeit. Werden nun neue Reize dieser Bewegung aufgenommen - veränderte Voraussetzungen, anderer Untergrund, höheres Tempo, uvm. - so wird dieser Regelkreis wieder von Anfang durchschritten.

 

Komplexität im Fußball

Als Grundaussage für Bewegungslernen, Technik- und Leistungsverbesserung kann gesagt werden, dass ein kontinuierliches Arbeiten an den koordinativen Fähigkeiten sowohl die Leistungsfähigkeit, als auch die Erholungsfähigkeit verbessern kann. Ein Training an den koordinativen Fähigkeiten und ein Verfeinern der Bewegungsansteuerung bringt einen effektiveren Einsatz der motorischen Kraft, verbraucht weniger Energie, bildet die Mobilität aus und bringt eine verbesserte, zweckgebundene Leistungsfähigkeit. Darum ist vor allem in der Sportart Fußball, die von ihrem Anforderungsprofil höchst komplex ist, in jedem Alter immer darauf zu achten, kontinuierlich nicht nur an den konditionellen Fähigkeiten zu arbeiten, sondern unbedingt auch an den koordinativen Fähigkeiten. Zusammenfassend lässt sich festhalten:

  • der menschliche Körper ist ein Bewegungssystem
  • Leistungsfähigkeit ist das Zusammenspiel aus vielen Einzelteilen
  • Training an der Basis verspricht positive Wechselbeziehungen für Leistungsoutput und Bewegungsverhalten
  • Immer Kreativität ins Training einbringen
  • Jede erlernte Bewegungsform hilft, die Leistung zu verbessern und nimmt präventiven Charakter ein.